{"id":475,"date":"2017-02-20T17:04:21","date_gmt":"2017-02-20T17:04:21","guid":{"rendered":"http:\/\/unser-steinheim.de\/home\/?page_id=475"},"modified":"2017-02-20T17:20:42","modified_gmt":"2017-02-20T17:20:42","slug":"der-neckermann-von-steinheim","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/unser-steinheim.de\/home\/der-neckermann-von-steinheim","title":{"rendered":"Der &#8222;Neckermann von Steinheim&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Mein Urgro\u00dfvater Karl war Schmied und meine Urgro\u00dfmutter verkaufte in unserer sp\u00e4teren K\u00fcche Mehl, Zucker, Puddingpulver, Waschpulver und was sonst noch f\u00fcr den t\u00e4glichen Bedarf n\u00f6tig war.<\/p>\n<p>Als meine Mutter 1947 einen Kaufmann und keinen Bauern heiratete, war klar, womit sich das junge Paar in Zukunft seine Br\u00f6tchen verdienen w\u00fcrde. Die Schmiede wurde zu einem Ladengesch\u00e4ft umgebaut, aus dem bisherigen Verkaufsraum wurde eine Gemeinschaftsk\u00fcche f\u00fcr drei Generationen. Der Dorfname war auch gleich gefunden, denn es war ja beim Schmied Karl, wo man jetzt einkaufen ging und da mein Vater \u201eSchmidt\u201c mit Nachnamen hie\u00df, ging es von nun an zu \u201eSchmidtskarls Adolf\u201c.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-476\" src=\"http:\/\/unser-steinheim.de\/wp-content\/uploads\/Neckermann-von-Steinheim_1-Mittelgasse-7.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"488\" srcset=\"https:\/\/unser-steinheim.de\/wp-content\/uploads\/Neckermann-von-Steinheim_1-Mittelgasse-7.jpg 700w, https:\/\/unser-steinheim.de\/wp-content\/uploads\/Neckermann-von-Steinheim_1-Mittelgasse-7-300x209.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mein Vater hatte im Textilgro\u00dfhandel in Gie\u00dfen gelernt, also wurde das Sortiment in diese Richtung erweitert. Au\u00dferdem gab es weiterhin N\u00e4gel, Schrauben, Kuhketten, Ofenrohre, Hacken, Stiele, alles was man f\u00fcr Vieh, Feld und Garten brauchte. Durch den Aufschwung der 50er Jahre war auch dieser Verkaufsraum bald zu klein und 1956 war der \u201eneue Laden\u201c fertiggestellt. Eine moderne Ladeneinrichtung, eine Abteilung f\u00fcr Textil- und Kurzwaren, Wolle zum Stricken, Stoffe, Schreibwaren und nun auch noch zus\u00e4tzlich Glas- und Porzellanwaren \u2013 unser ganzer Stolz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wir wurden bald der \u201eNeckermann von Steinheim\u201c genannt.<\/strong><\/p>\n<p>Es wurde versucht, die Kunden bei den Lebensmitteln an Selbstbedienung zu gew\u00f6hnen, aber da es auch noch zwei Theken gab, lie\u00dfen sich die Leute lieber bedienen (wir hatten inzwischen auch noch K\u00e4se und Wurst im Programm).<\/p>\n<p>Die Theke bei den Lebensmitteln hatte gro\u00dfe Schubladen, darin waren Mehl, Zucker, Reis und Nudeln. Au\u00dferdem gab es noch eine Reihe mit verschiedenen F\u00e4chern, in denen Papiert\u00fcten in unterschiedlichen Gr\u00f6\u00dfen standen. F\u00fcr 250 Gramm und kleiner gab es Spitzt\u00fcten, ab 500 Gramm waren die viereckigen T\u00fcten mit Faltboden. Die kleinsten spitzen T\u00fcten waren f\u00fcr die Bonbons bestimmt, die in Glasgl\u00e4sern auf einem Drehregal auf ihre Kunden warteten. Es gab Schaufeln in verschiedenen Gr\u00f6\u00dfen, mit denen die losen Lebensmittel eingef\u00fcllt wurden. Auf der Theke stand die Waage, daneben diverse Gewichtssteine, die eingesetzt wurden, wenn mehr als ein Kilo abgewogen wurde. \u00d6l und Essig waren in gro\u00dfen Beh\u00e4ltern aus Aluminium mit einem Zapfhahn, von dem dann mithilfe eines Trichters die Essenz in die Flaschen gef\u00fcllt wurde. Senf gab es ebenfalls lose, er wurde aus einem Keramikbeh\u00e4lter durch einen Pumpvorgang ins Glas gef\u00fcllt. Ob die Gl\u00e4ser immer gleich gro\u00df waren und wie mein Vater den Preis berechnete, wei\u00df ich heute nicht mehr.<\/p>\n<p>Im Winter gab es Sauerkraut lose im gro\u00dfen Eimer. Das wurde dann nach Gewicht verkauft. Die Kunden brachten ihre Sch\u00fcsseln mit, die wurden leer gewogen und dann kam das Sauerkraut hinein. Bei Rollm\u00f6psen war es genauso.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-477\" src=\"http:\/\/unser-steinheim.de\/wp-content\/uploads\/Neckermann-von-Steinheim_2-Mittelgasse-7.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"550\" srcset=\"https:\/\/unser-steinheim.de\/wp-content\/uploads\/Neckermann-von-Steinheim_2-Mittelgasse-7.jpg 700w, https:\/\/unser-steinheim.de\/wp-content\/uploads\/Neckermann-von-Steinheim_2-Mittelgasse-7-300x236.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<table style=\"border-collapse: collapse; width: 604px; height: 48px;\" border=\"0\" width=\"80\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<colgroup>\n<col style=\"width: 60pt;\" width=\"80\" \/> <\/colgroup>\n<tbody>\n<tr style=\"height: 12.75pt;\">\n<td style=\"height: 12.75pt; width: 60pt;\" width=\"80\" height=\"17\"><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><strong>In den 50er Jahren war Ladenschluss ein Fremdwort.<\/strong><\/p>\n<p>Die Leute kamen, wann es ihnen gerade passte, auch am Sonntagmorgen. Ein ungest\u00f6rtes Mittagessen war Seltenheit, denn immer hatte irgendwer irgendetwas vergessen. Ich erinnere mich an eine Kundin, die viele Jahre an Heiligabend oft noch gegen 18.00 Uhr kam und ihre Weihnachtsgeschenke kaufte. Diese wurden dann auch noch sch\u00f6n von meinem Vater verpackt. Eine andere Geschichte aus dieser Zeit hat mir k\u00fcrzlich eine \u00e4ltere Dame erz\u00e4hlt: Der Schnuller ihrer kleinen Tochter war verschwunden und als diese nachts nicht mit dem Schreien aufh\u00f6rte, stand der Vater auf, zog sich an und klopfte meinen Papa aus dem Bett. Mit einem neuen Schnuller versorgt, konnte es dann auch f\u00fcr diese Familie eine ungest\u00f6rte Nachtruhe geben.<\/p>\n<p>Meine Gro\u00dfmutter fand, nachdem sie fr\u00fch Witwe geworden war, bei uns im Gesch\u00e4ft ihren neuen Lebensinhalt. Sie wurde die Seele des Unternehmens. In der Zwischenzeit verkauften wir auch Zeitungen und so stand sie schon ab 6.15 Uhr vor der Ladent\u00fcr und reichte den zur Arbeit Fahrenden die BILD-Zeitung durchs Autofenster.<\/p>\n<p>Unser erstes Auto war ein gr\u00fcner DKW-Kleinlaster mit Sitzb\u00e4nken, die man auch ausbauen konnte. Damit fuhr mein Vater nach Gie\u00dfen um neue Textilien, Kurzwaren, Porzellan, Eisen- und Papierwaren zu kaufen. Er war dann den ganzen Tag unterwegs. Zuerst gab er bei den verschiedenen Gro\u00dfh\u00e4ndlern seine Bestellung auf, dann ging es in gleicher Reihenfolge zur Abholung der Pakete zur\u00fcck. Meine Mutter gab ihm immer Brote mit und meine Schwester und ich warteten abends, ob Papa \u201eHasenbrot\u201c von Gie\u00dfen mitbrachte. \u201eHasenbrot\u201c wohl deshalb, weil er \u201e\u00fcber Feld\u201c gefahren war.<\/p>\n<p>Gab es in einer Familie im Ort einen festlichen Anlass, zu dem ein neuer Anzug gebraucht wurde, so nahm mein Vater die betroffene Person mit Anhang mit nach Gie\u00dfen zu den Gro\u00dfh\u00e4ndlern. Dort konnten sie sich dann in der reichhaltigen Auswahl das Passende aussuchen.<\/p>\n<p>Zur Bestellung der Lebensmittel kamen die Vertreter der Lieferfirmen zu uns nach Hause. Das Schriftliche wurde meistens am K\u00fcchentisch erledigt, oft gab es dann auch noch ein Mittagessen oder Kaffee und Kuchen. So entstanden auch manche pers\u00f6nliche Freundschaften. Ein besonderes Highlight war es, wenn die Vertreter der beiden gro\u00dfen Frankfurter Textilfirmen mit der Sommer- und Winterkollektion kamen. Sie hatten zehn oder zw\u00f6lf gro\u00dfe Koffer im Auto und jedes Teil wurde begutachtet und dann der Auftrag erteilt. Das dauerte den ganzen Tag, also war auch hier Verk\u00f6stigung angesagt. Zweimal im Jahr gab es einen Familienausflug mit gesch\u00e4ftlichem Hintergrund nach Frankfurt an den verkaufsoffenen Messesonntagen des Gro\u00dfhandels. Die beiden Firmen, die uns belieferten, befanden sich in der Elbestrasse und in der Weserstrasse, so dass ich schon fr\u00fch das Frankfurter Bahnhofsviertel kennenlernte.<\/p>\n<p>Wir waren damals eine wichtige Institution in unserem Dorf. Versorgungszentrum und Informationsaustauschzentrale. Hier traf man sich auf ein Schw\u00e4tzchen, erfuhr den neuesten Klatsch, ob jemand gestorben war oder ein Kind bekommen hatte. Ich habe gerne im Laden mitgeholfen, h\u00e4tte das Gesch\u00e4ft sp\u00e4ter auch gerne weitergef\u00fchrt. Aber zuerst kamen die Versandkataloge, sp\u00e4ter die Superm\u00e4rkte, die Menschen wurden mobiler und ich sah keine Zukunft mehr f\u00fcr unseren Laden, den ich dann Ende 1989 schlie\u00dfen musste.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bericht und Fotos: Annelie Schneider<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Urgro\u00dfvater Karl war Schmied und meine Urgro\u00dfmutter verkaufte in unserer sp\u00e4teren K\u00fcche Mehl, Zucker, Puddingpulver, Waschpulver und was sonst noch f\u00fcr den t\u00e4glichen Bedarf n\u00f6tig war. Als meine Mutter 1947 einen Kaufmann und keinen Bauern heiratete, war klar, womit sich das junge Paar in Zukunft seine Br\u00f6tchen verdienen w\u00fcrde. 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